Bella Germania

Halt, kennen wir diesen Ausspruch nicht besser als „Bella Italia“? In dem Buch das ich heute vorstellen möchte, hängen die beiden Länder unweigerlich und unauflöslich zusammen. Bella Germania, der Titel eines Romans von Daniel Speck, hat mir ausnehmend gut gefallen so dass ich sehr hoffe Herr Speck möge sich weiter dem Schreiben widmen.

Julia, um die 30, Modedesignerin, ist gerade dabei in Mailand einen Preis zu gewinnen, als sie, überarbeitet wie sie ist, umkippt und ein völlig Fremder ihr erklärt er sei ihr Großvater. Mit diesem Eindringen eines ihr unbekannten Teils ihrer Familie samt der damit verbundendenen unbekannten Vergangenheit ändert sich ihr Leben. Sehr.

Sie trifft spontane Entscheidungen die sie, in Begleitung ihres bis dato unbekannten Groß-Onkels, Italiener natürlich, im Zug von München nach Neapel führen. Auf dieser Fahrt sie erfährt von der  italienischen Seite ihrer Familie, die von von Salina, einer kleinen Insel nahe Sizilien als Gastarbeiter erst nach Mailand, einige Jahre später nach München gelangte. Sie erfährt, wie ihre Großmutter in den 50er und 60er Jahren, zerrissen zwischen „Amore „und „Onore“, teils wagemutig ersterer nachgibt, teils pflichtbewußt sich letzterer beugt. Wie deren Mutter, die Matriarchin, ihr „Onore“ und Pflichtbewußtsein gegenüber der Familie eingeimpft hat. Wie sie nie wirklich glücklich wird, wie ihr Leben, ihre Familie, unter der ehrenhaften Lüge leidet.

In Neapel trifft sie ihren totgeglaubten Vater, dessen Geschichte, die Geschichte eines zornigen jungen Mannes der nirgends wirklich dazugehört, dem die Lügen seiner Eltern (Onore!) den Boden unter den Füßen wegziehen, wieder und wieder, die beiden auf dem Rück-Weg von Neapel nach München begleitet. Diesmal im Auto. Überhaupt, Autos spielen eine große Rolle. Die Iso-Motorenwerke in Mailand, die ihre Idee der Isetta an BMW verkaufen und damit unwissentlich das Familiendrama ins Rollen bringen. Der wunderschöne Iso Rivolta,  „una Bella Macchina“; für Julias Vater unweigerlich mit seinen beiden Vätern verbunden.

Die Liebesgeschichte ihrer eigenen Eltern, sie erfährt wie es dazu kam, im München der 70er-Jahre, im Deutschland des Terrors und Protests dieser Jahre in die beide Eltern sehr aktiv verwickelt waren. Ihr Vater Vincenzo, dort wo er seine Wurzeln sucht wachsen ihm keine Flügel, dort wo ihm Flügel wachsen scheitert dies an fehlenden Wurzeln.

Und wir die wir die Geschichte lesen, erfahren Einiges über die Hoch-Zeit des Anwerbe-Abkommens, wie seltsam blau-äugig und kurzsichtig diese Zuwanderung hier in Bella Germania gehandhabt wurde. Wie die Menschen, die „Gast“-Arbeiter,  kaum als solche wahrgenommen wurden, wie entwürdigend die Behandlung, der Empfang dieser „Gäste“ ablief. Geschweige denn dass irgend etwas von dem was sie mitbrachten an Können, Wissen, Qualifikation auch nur von geringstem Interesse gewesen wäre.

Untermalt wird das Ganze von einem umfassenden Soundtrack, Adriano Celentano, Hair, Jim Croce, Jimi Hendrix, Beatles, Angie, sehr effektvoll treten die einzelnen Songs auf. Gegessen wird, ganz klar,  italienisch, sizilianisch, dass es eine wahre Freude ist. Kulinarischer Höhepunkt ist ein Hochzeitsmenü auf Salina, für das sich der Autor extra Rat geholt hat – sympathisch, oder? Unter anderen Köstlichkeiten gehören die besonderen Garnelen vom Titelbild mit ihren blauen Eiern im Bauch die es nur in der Gegend um Sizilien gibt zum Festmahl. Wir hatten tatsächlich schon einmal das Glück in einem sizilianischen Fischerdorf diese Köstlichkeit zu genießen- das konnte selbst ich nicht unfotografiert lassen!

Viel häufiger kommen Gerichte der „Cucina Povera“, der italienischen Alltagsküche, auf den Tisch, und ein solches habe ich für euch mitgebracht.

Pasta e Fagioli

wollte ich schon längst einmal gekocht haben, im Buch finden sie gleich zweimal Erwähnung. Zur Feier des millionsten Gastarbeiters aus dem südosteuropäischen Raum- der Fernseher  in München läuft und Vincenzo lernt den „Erlkönig“ auswendig. Ein andermal will Giovanni, der Groß-Onkel, lieber wochenlang Pasta e Fagioli essen als dem Sparzwang nachzugeben und aus seiner Wohnung in München zu seiner Schwester zu ziehen. Wochenlang wollte ich das Gericht nun grade auch nicht essen, dazu liebe ich die Abwechslung zu sehr- öfter mal auf den Tisch bringen werde ich es auf alle Fälle, denn sogar die kritische Mit-Esserin befand diesen Eintopf als schmackhaft. Das will was heißen!

Ein wenig Planung ist hier erforderlich, am Vorabend weiche ich

250g Cannelini oder andere weiße Bohnen in reichlich Wasser ein.

Am nächsten Morgen gieße ich das Wasser ab, gebe die Bohnen in einen großen ofenfesten Topf, füge

2 Zehen Knoblauch, geschält und halbiert

1 Zweig Salbei

2 Lorbeerblätter

1 El Olivenöl hinzu und gieße

Wasser an, so hoch dass es drei Zentimeter über den Bohnen steht.

Das Ganze wandert abgedeckt in den Ofen, wo es bei 180° ungefähr 2 Stunden backen darf.

Zwischenzeitlich schneide ich klein:

50g Speck (hier: Rinderschinken)

2 Möhren

1 Stange Bleichsellerie

1 große Zwiebel

4 Zehen Knoblauch, schwitze dies alles in einem großen Topf in

4 El Olivenöl an, gieße mit

1.5l Brühe (Huhn, Rind oder Gemüse) an und lasse eine gute Stunde schmurgeln.

 

Von den gegarten Bohnen nehme ich etwa die Hälfte ab und püriere sie mit etwas Garflüssigkeit, sowohl das Püree wie die restlichen Bohnen samt aller Garflüssigkeit minus des Salbeizweiges wandern in den Topf mit der Gemüse-Brühe. Kocht der Inhalt wieder kommen

200g Pasta (nach Wahl, am Besten frischgemacht- ich hatte noch Capellini im Eis) dazu,

je 1 Zweiglein Thymian und Rosmarin, feingehackt und abgeschmeckt wird mit

Pfeffer und Salz. Sind die Pasta gar wird serviert, über jede Portion kommt noch ein guter Schuß Olivenöl.

 

Sieht eher heimelig als attraktiv aus und schmeckt auch – nach Heimat. Sich heimisch zu fühlen, welch ein Wert!

Als dieses Lied ertönt ist die Heimat-Insel Salina nur mehr Urlaubsziel….

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Ungeachtet dessen ob Shermin tatsächlich noch Beiträge sammelt für ihren Lesehunger kriegt sie dieses Buch samt Bohnen für ihre Sammlung.

 

 

 

PS alle links zu Büchern erscheinen gesammelt auf meinem neu angelegten Bücherstapel

15 Gedanken zu „Bella Germania

  1. Ein wunderbares Rezept! Ich liebe diese ganz typischen, ursprünglichen Gerichte sehr. Danke für die Erinnerung, dass ich das auch unbedingt einmal machen muss.

    1. Ja, dein Buch-Geschmack weicht doch teils sehr von meinem ab, mir hat es gut gefallen. Liegt vielleicht auch an den vielen Italienern, Sizilianern speziell, hier. Die Bohnen werden dir allerdings bestimmt schmecken!

  2. Interessant. Ich gucke mal nach dem Buch, wenn ich in knapp 2 Wochen wieder in HH bin. Übrigens ist Pasta e Fagioli das einzige Rezept, das meine venezianische Schwiegermutter jemals herausgerückt hat – sie wurde damals nämlich für unsere Tageszeitung interviewed. Ansonsten gefiel ihr die Idee besser, dass ihre Söhne die Kochkünste ihrer Ehefrauen unvorteilhaft mit denen ihrer seligen Mutter vergleichen :)

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