Lesefutter #6

Rezensionen

Wenn auch häufig die Zeit zum Schreiben fehlt, Lese-Zeit muß sein. Hier wieder einmal eine Auswahl der Bücher die mir in letzter Zeit besonders gut gefallen haben:

 

„Kühn hat Hunger“ von Jan Weiler

Nach „Kühn hat zu tun“ und „Kühn hat Ärger“ ist dies nun der dritte Roman mit dem Müncher Kriminalkommissar Martin Kühn. Kühn mißt nahezu zwei Meter, lebt ein eher kleinbürgerliches Leben mit Frau und zwei Kindern, belastet nicht nur durch das Häuschen, auf massiv verseuchtem Untergrund in einem Münchner Vorort erbaut.

Da in letzter Zeit wenig Aufregendes zu ermitteln war, meint Kühn es wäre der passende Zeitpunkt an Gewicht zu verlieren und im Gegenzug an Attraktivität zu gewinnen, besonders seiner Frau gegenüber. Hilfestellung leistet ein Buch… ein Ratgeber um dem Mann wieder zu dem ihm gebührenden Stand in der Gesellschaft zu verhelfen.

Schnell steigen wir in den Kriminalfall ein, ziemlich bedrückend für ein Sensibelchen wie mich.

Thema, sowohl in Kühns Leben als auch im Mordfall, ist das Verhältnis Männer zu Frauen, aus der Sicht benachteiligter Männer geschrieben. Und worüber ich in Kühns Gedankenwelt eher schmunzeln kann, gewinnt in der Welt draußen ziemlich dramatische Dimensionen und gesellschaftliche Brisanz.

Martin Kühn ist ein sympathischer Mensch, mit Temperament, Unsicherheiten und kriminalistischem Scharfsinn, und Jan Weiler verwickelt ihn mit seinen Mordfällen in gesellschaftliche Reizthemen- sehr gelungen, meiner Ansicht nach.

Und irgendwann wird sich hoffentlich aufklären was „Schnippi-Käse“ ist…. der wird, meist per sms oder whatsapp von zuhause angefordert, von Kühn eingekauft .

 

„The Invention of Wings“ (Die Erfindung der Flügel) von Sue Monk Kidd

Ein sehr beeindruckendes Buch, diese Frauen-Geschichte aus dem alten Süden. Wir befinden uns anfang des 19. Jahrhunderts in Charleston. An ihren 11. Geburtstag erhält Sarah Grimké, die zweite Tochter eines Anwalts, die etwa gleichaltrige Sklavin Hetty als Geschenk. Sie möchte dieses Geschenk am Liebsten ablehnen, was ihr von der Familie, darunter zahlreiche ältere Brüder, verwehrt wird. Hetty heißt eigentlich Handful, zumindest diesen Gefallen kann ihr Sarah erweisen und sie nicht bei dem verhassten Sklaven-Namen nennen. Ein weitaus gefährlicherer Gefallen- Sarah bringt Handful das Lesen und Schreiben bei, was kurze Zeit später zu Handfuls erstem Peitschenhieb führt- und zu Sarah’s völliger Verbannung aus der Bibliothek ihres Vaters. Zudem wird sie ihrer Vorstellung beraubt, Anwältin zu werden, ja, trotz aller vorhandener Intelligenz überhaupt irgendeine berufliche Perspektive zu entwickeln- Frauen steht dies nicht zu.

Die Jahre vergehen, Sarah wechselt ihre Kirchengemeinschaft um letzlich bei den Quakern zu landen, die zumindest gegen die Sklaverei eingestellt sind und bei denen es weibliche Predigerinnen gibt. Zudem verläßt sie ihre Heimat Charleston, zieht nach Philadelphia, wird mehrfach enttäuscht von Männern und zieht es vor ihrer Bestimmung zu folgen, dem Einsatz für ein Ende der Sklaverei und der Unterdrückung der Frau.

Währenddessen wird Handful in eine Revolte verwickelt, die grausam niedergeschlagen wird, ihr Bein wird verkrüppelt, und nur ihren überragenden Fähigkeiten als Näherin verdankt sie ihren Verbleib in der gewohnten Umgebung.

Die beiden Frauen bleiben immer in Kontakt, heimliche Briefe wandern hin und her, Sarah versucht mehrfach Handful (die sie der Familie irgendwann zurückgegeben hatte) freizukaufen, vergeblich…. – soweit in diesen Zeiten weiße und schwarze Menschen befreundet sein können sind es diese beiden.

Was mir die Geschichte so besonders macht? Nun, zum einen der Alltag, der auch in diesen Zeiten nicht nur aus Hass und Drama bestand, wird sehr gut geschildert, Sklaven wie deren Herren und Damen altern gleichermaßen, zeigen Launen, Schrullen und Charakter. Zum anderen das ausführliche Nachwort, der Roman beruht nämlich auf der wahren Geschichte der Schwestern Grimké, Vorreiterinnen im Kampf um Gleichberechtigung, ganz gleich ob es um Hautfarbe geht oder Geschlecht.

 

„Und Marx stand still in Darwins Garten“  von Ilona Jerger

Selten hat mich ein Buch von Anfang an so begeistert, und zwar hauptsächlich der köstlichen Sprache wegen.

Worum geht es? Charles Darwin, alt geworden, leidet an einer Reihe eingebildeter und echter Krankheiten. Sein Arzt, Dr. Beckett, tritt häufig in Erscheinung im Hause Darwin.

Karl Marx, der zu etwa derselben Zeit recht ärmlich in London lebt, leidet echt- starker Raucher, von starkem Husten geplagt. Sein Freund Engels schickt selbigen Dr.Beckett zu seiner Behandlung.

Beide Wissenschaftler beschäftigt das Verhältnis zu Gott und Kirche- Darwin zweifelt, aus seinen Naturbeobachtungen heraus, an der biblischen Schöpfungsgeschichte. Marx hingegen sieht Darwin als endgültigen Beweis dafür dass es eben keinen Gott gibt und folglich auch keiner Religion bedarf.

Dr. Beckett pendelt zwischen beiden hin und her, berichtet dem einen vom anderen und umgekehrt, und tatsächlich kommt es – zufällig- zu einer Begegnung der beiden anläßlich einer Einladung im Hause Darwin; Marx erscheint überraschend als Schwiegervater eines der Eingeladenen.

Dies in groben Zügen die Handlung, die mich als Naturwissenschaftlerin ganz klar anspricht- die Schilderungen Darwins, was er wie mit einer Akribie und Hingabe beobachtet, die Versuchsreihen die er anstellt- faszinierend. Am Meisten und Besten gefällt mir die Sprache- wie fein, pointiert, Frau Jerger all dies schildert. Die Alp-Träume, die Gespräche mit Darwins Frau, die Erinnerungen – so wunderbar formuliert dass ich oftmals einen Satz oder Abschnitt mehrfach gelesen habe, des Genusses wegen. Wie die umwälzenden Gedanken und Gespräche in Alltäglichkeiten eingebettet sind, Polly, der Hund, Emma die Frau, Wedgwood-Geschirr das Regenwürmer zu Experimentier-Zwecken beherbergt…. all dies gibt eine sehr unterhaltsame Mischung. Auch der fluchende und polternde Marx, wunderbar dargestellt.

Becket berichtet Darwin bei einem Hausbesuch erstmalig vom Zusammentreffen mit Marx. Die beiden spielen Billard und trinken Whisky. Wahrhaftig, ein Hausbesuch! Zwischen hoch-philosophischem Gespräch putzt Becket seine Brille, um festzustellen dass er doch besser ohne spielt, und schließlich:

„Darwin kündigte an dass er sich bald hinlegen müsse. Er schlug vor, die Billard-Partie zu beenden. „Es gibt für mich ohnehin nichts mehr zu gewinnen. allerdings möchte ich anmerken, dass ich vorhin ein Foul gesehen habe. Als Sie die Blaue versenkt haben, hatten Sie keinen Fuß auf dem Boden.“ Darwin lächelte verschmitzt. Doktor Beckett wagte zu bezweifeln, dass er mit seiner Körperlänge und unter dem Einfluss von Whisky so leicht ins Fliegen geraten sein konnte. “

Sehr schön auch die Schilderung des Staatbegräbnisses von Darwin in Westminster Abbey… Dr. Beckett beobachtet dass Hypochondrie wohl erblich sein muss.

 

 

Am Besten besorgt ihr Bücher bei eurem Buchhändler vor Ort- oder ihr schaut im Bücherstapel wo ihr noch jedemenge weiterer Lese-Tipps finden könnt.

2 Gedanken zu „Lesefutter #6

  1. Einen schönen Bücherstapel hast du in deinem Blog schon aufgebaut! Ich hoffe, ich komme zwischen den Jahren wieder einmal dazu, dass ich etwas anderes als Kochbücher lese. Derzeit siegt meine Kochbuchsucht über alles und ich lese sonst viel zu wenig.

    1. Vielen Dank, liebe Susi- von Kochbüchern halte ich mich tunlichst fern und versuche zu widerstehen, koche ja viel zu selten und es gibt noch so viel zu entdecken! Die Zeit zum Bücherlesen, die gewinnt allerdings grade und das ist auch sehr schön.

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