Bücher aus allen Ecken unsrer Erde

„Die wahren Abenteuer sind im Kopf in deinem Kopf, und sind sie nicht in deinem Kopf dann sind sie nirgendwo“ – André Heller trifft es genau. Wie sind wir froh über die schreibende Zunft, die ihre Abenteuer im Kopf für uns aufschreiben, stimmt’s?

Wir reisen, virtuell, in 10 besonderen Büchern- meine Wahl fiel auf solche die uns ihren Schauplatz näherbringen, uns mitnehmen in Städte, zu Menschen, uns Hitze, Kälte, Gerüche, Geräusche und dergleichen mehr erleben lassen.

Und los geht’s, kreuz und quer um unseren Erdball zunächst nach

Afrika

Barbara Wood- Green City in the Sun (Rote Sonne, schwarzes Land);

erschienen 1988, damals mehrfach verschlungen und kürzlich wieder hervorgeholt- mußte ich feststellen die Mode macht auch vor Büchern nicht halt. Der Schreibstil, obwohl nicht einmal 40 Jahre alt, ist ungewohnt und es brauchte ein Weilchen bis ich mich wieder eingelesen hatte. Was berichtet uns die britische Schriftstellerin über Afrika? Nun, es ist die Geschichte Kenias, ausgehend vom Jahr 1919 bis in die 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts, den roten Faden liefern die Familie Treverton, englischer Adel, sowie die Familie Mathenge, eine einflussreiche Kikuyu-Familie. Erzählt wird von der Faszination, die Afrika ausübt

He drank in the unique light of East Africa, a lumination that sharpened outlines, details and colors. It was not only bright, but light in the sense of having no weight

Auch heute noch höre ich Ähnliches von Afrika-Reisenden….

Spürbar wird die Unvereinbarkeit der Lebensweisen, auf der einen Seite die englischen Auswanderer, voller Action und Tatendrang, ein besseres Leben in diesem faszinierenden Land zu schaffen. Auf der anderen Seite die traditionelle Lebensweise der Schwarzen, Kikuyu in diesem Fall, voller Glauben an Geister, voller Rituale und mit einem sehr festgefügten Sozialwesen. Beide können sich gegenseitig überhaupt nicht verstehen, die Schwarzen werden von der Energie der Weißen überrumpelt, die Weißen fühlen sich unendlich überlegen.

Nach dem zweiten Weltkrieg beginnen die Aufstände der schwarzen Bevölkerung bis hin zu Mau-Mau, unter der Brutalität leidet die weiße wie die schwarze Bevölkerung. Mit der Autonomie Kenias unter Yomo Kenyatta beruhigt sich das Land ein wenig, bis am Ende (des Buches) eine Wabenzi der schwarzen Bevölkerung, reich, genauso hinter stacheldrahtbewehrten Mauern lebt wie ein Weißer, Veranstalter von Safari-Reisen, der verzweifelt fragt- wo soll ich denn sonst hin, bereits mein Urgroßvater wurde in diesem Land geboren.

England

Hier habe ich mich kurzfristig umentschieden für:

Ruth Hogan, Queenie Malone‘s Paradise Hotel.

Eine eigentlich tragische Geschichte, die mich dennoch hat hat lächeln lassen, ja gelegentlich habe ich laut herausgelacht.

Tilly, das Kind von 6-7 Jahren erzählt, und Tilda, inzwischen erwachsen, erzählt. Von herrlich verschrobenen Gestalten wie sie sich wohl nur in England erdenken lassen…. besonders hübsch ist die kindliche Perspektive die versucht Erklärungen zu finden für Dinge die die Erwachsenen tun oder sagen. Wie beispielsweise bei einer Beerdigung der Prediger immerfort den Geist (Spirit) beschwört und Tilly zu dem Schluß kommt, da sie die Verstorbene gut kannte, bei dem Spirit müsse es sich wohl um Gin handeln. Das  Seebad Brighton wird sehr lebendig, und wiegesagt der unkonventionelle Schreibstil hat mich amüsiert und mir gut gefallen.

Das Buch ist bislang nur „in english“ erhältlich, anderes von der Autorin durchaus in deutscher Übersetzung.

Türkei

Elif Shafak: Der Bastard von Istanbul.

Auch hier treffen wir auf eine Versammlung ungewöhnlicher Charaktere. 4 Schwestern leben zusammen mit ihrer (Stief)Großmutter sowie der unehelichen Tochter der jüngsten Schwester in einem Haushalt zusammen. Eine Schwester ist Hellseherin, hat auf jeder Schulter einen Geist sitzen.. eine weitere ist eigentlich verheiratet, fühlt sich aber sicherer mit ihren Schwestern, eine trägt Minirock und High-Heels. Die Geschichte  streift die Vergangenheit, lebt in der Gegenwart, atmet Istanbul, die Düfte, den Lärm, das Chaos, Modernität und Aberglaube und läßt uns ein wenig davon ahnen was diese unbeschreibliche Stadt ausmacht.

USA- New Orleans

Twelve Bar Blues von Patrick Neate

Ich gebe zu, das Buch spielt hier und da und dort, wechselt Zeiten und Kontinente. Das Herz der Geschichte allerdings, das liegt in und um New Orleans. Die Seele der Geschichte,  die besteht aus Musik, so wie die Stadt New Orleans  Musik lebt und atmet. Wir sind Anfang des 20. Jahrhunderts, tauchen ein in die Frühzeit des Jazz, schwarze Musik von Schwarzen gespielt-  die über die Musik in ihrem Herzen (viel mehr haben sie nicht) ihren Weg suchen.

In der Gegenwart sucht eine dunkelhäutige Frau, in eine weiße Familie geboren, nach ihren Wurzeln und gerät so in diese alte Geschichte hinein.  Und einen Abstecher nach Afrika macht der Autor auch noch. Für Musik-Liebhaber und/ oder New-Orleans-Fans ein Muß! Allerdings nur „in english“ ….

 

USA- überhaupt….

Ken Follett, der dritte Zwilling (The Third Twin)

Ich bin Follet-Fan, lese ihn im englischen Original, in dieses Buch bin ich damals kopfüber hineingefallen und mußte es in einem Zug durchlesen von Anfang bis Ende. Ein Wissenschaftskrimi, Colllege-Leben, die Army und die  Mechanismen mit denen sie ihre Geheimnisse schützt…. und viele weitere Aspekte mehr, gründlich recherchiert wie bei Follett gewohnt, alle paar Jahre hole ich das Buch aus dem Regal und genieße.

Irland

Adrian McKinty und sein „Bulle“ Sean Duffy

Zum Start der Reihe befinden wir uns in den Hoch-Zeiten des Nord-Irland-Konflikts. Duffy wird in ein Nest in die Nähe Belfasts versetzt, als Katholik in einer protestantisch geprägten Gegend. Er scheint ein ziemlich kaputter Typ zu sein, raucht zu viel, trinkt zu viel- und dennoch, ein Bulle mit einem guten Gespür.

Die Krimis haben einen hohen gesellschaftlichen Bezug, es geht beispielsweise um Wirtschaftskriminelle in höchsten Kreisen, und all dies vor dem Hintergrund der blutigen politischen Auseinandersetzungen. Duffy schaut jedesmal unter sein Auto bevor er einsteigt, ob eine Bombe versteckt ist….. und ist überhaupt ein Typ der einen packt. Ach, und folgendes Lied würde er garantiert nicht anhören wollen… von U2 hält er äußerst wenig.

 

Spanien/Marokko

Maria Duenas- Das Echo der Träume

Madrid während der 1930er Jahre- eine junge Frau von interessanter Herkunft sitzt einem windigen Typen auf, genießt einige Wochen ein turbulentes aufregendes Leben bis er sie, schwanger und mittellos, in Marokko stranden läßt. Sie verliert das Kind, darf nicht ausreisen und muß/ darf sich, einem unkonventionellen Polizisten sei Dank, ein Leben in Tanger aufbauen. Ab dem Moment an dem sich herausstellt dass sie schneidern kann, nimmt ihr Leben eine neue Kurve- sie gewinnt Freunde in einflußreichen Kreisen, im Spannungsfeld Engländer/Spanier/Deutsche wird ihr Einiges abverlangt und sie läßt sich auf ein gewagtes Spionage-Spiel ein. Eine packende Darstellung eines mir weitgehend unbekannten Stücks Geschichte, packend erzählt.

 

China- Shanghai

Qiu Xiaolong und sein Kommissar Chen

Die Bücher spielen in Shanghai, wir lernen Kommissar Chen nach und nach besser kennen, die Liebe zu seiner Stadt, seine Arbeitsweise die so ganz anders ist als wir sie kennen- aufgrund der gesellschaftlichen Struktur und der politischen Verhältnisse. Chinesisches Essen spielt eine große Rolle, es gibt sogar ein kleines sehr liebenswert aufgemachtes Kochbüchlein zur Serie, von der deutschen Übersetzerin gemeinsam mit dem Autor verfasst. Qiu Xiaolong ist in China aufgewachsen und lehrt heute in den USA chinesische Sprache und Literatur.

 

Frankreich

Sandra Gulland – Josephine und Folge-Bände

Wir reisen in so ziemlich das aufregendste Kapitel französischer Geschichte, die französische Revolution und das napoleonische Kaiserreich. Und wir reisen an zentraler Stelle, nämlich an der Seite von Josephine, der ersten Frau und großen Liebe Napoleons. Josephine, Tochter eines Kaffepflanzers aus der Karibik, immer in finanziellen Nöten, wird „gut“ verheiratet, überlebt das Gefängnis während des Terrors, heiratet Napoleon und wird von ihm zur Kaiserin gekrönt.

Ihre Schilderungen haben mich sehr gepackt, der viele Hering während des Gefängnis-Aufenthalts, der ihr wahrscheinlich das Leben gerettet hat auch wenn sie ihn hasste…. die ewige Angst und das Bangen um die Kinder die sie hatte, und um die Kinder die sie nicht kriegen konnte…. wer gut recherchierte historische Romane mag wird an dieser Trilogie Freude haben.

Deutschland- München

Jan Weiler und sein Kommissar Kühn

Kühn lebt mit seiner Familie, Teenager-Sohn, jüngere Tochter und Frau, in einer Reihenhaus-Siedlung auf verseuchtem Grund am Rand von München, kämpft beständig mit seinen Unzulänglichkeiten,  bildungsmäßig, finanziell, mangelnder Ehrgeiz, löst am Ende seine Fälle und seine familiären Schwierigkeiten klären sich, oft zu seiner Überraschung. Sehr sympathisch, dieser Herr Kühn, wie er schwimmt in den unklaren Forderungen seiner Rolle als Mann und Vater. Und die Stadt München, hier kommt sie weitgehend ohne Glamour und Chic aus, wir blicken tiefer in durchaus problematischere Gegenden und Kreise dieser Stadt.

 

Das war sie, meine ganz individuelle Reise, 10 Bücher aus 9 Ländern…. und wohin geht eure Lese-Reise?

 

Näheres zu allen Büchern im Bücherstapel

 

 

 

 

7 Gedanken zu „Bücher aus allen Ecken unsrer Erde

  1. Danke für die Tipps, liebe Christine!
    Habe darin gerade neue Autoren gefunden, die ich lesen will.
    Übrigens: auch ich lese meine Bücher mehrmals. Bei manchen wundere ich mich: wie habe ich diesen Plot damals so toll gefunden, bei anderen: immer wieder interessant und spannend!

    1. stimmt, der Geschmack ändert sich im Lauf der Zeit. und Qualität bleibt. Inzwischen rege ich mich oftmals über sprachliche Mängel auf, und denke diese Geschichte hätte eine bessere Schreibe verdient…. und bedaure dass ich „nur“ englisch und deutsch flüssig lesen kann. Welcher Autor/Autorin spricht dich denn an?

      1. Ich lese neben Klassikern (kann ich gar nicht aufzählen!) meistens Krimis:
        – Peter Tremayne: die Aufklärungen mittels Schwester Fidelma, Irland in den Jahren des 5. Jh.
        – Andreas Gruber: «Rachesommer» (Pulaski 1), «Racheherbst» (2) und «Rachewinter» (3).
        – Und natürlich die Krimis von Deon Meyer, sie handeln alle in Südafrika, sind nicht gar so brutal wie jene von Mankell.
        – Von Margaret Frazer, angefangen mit «Die Novizin – Mord im Jahre des Herrn 1431».
        – Neben «Das achte Leben», Nino Haratischwili, bei dem ich zwischendurch immer wieder etwas anders lesen muss (!), habe ich von Fred (eigentlich Frédérique) Vargas «Der Zorn der Einsiedlerin» angefangen: Todesfälle durch den Biss der Einsiedlerspinne (enttäuschend!).
        – Selbstverständlich auch kulinarische Romane, wie «Der Vorkoster» von Ugo di Fonte (oder vielmehr: Peter Elbling), oder «Bab Doukkala» von Jaafar Ben Saoud (bzw. Robert Griesbeck).
        – Auch Alex Campus «Reisen im Licht der Sterne»: auf den Spuren von R.L. Stevenson («Schatzinsel»).
        – Donna Leon, Ingrid Noll, Jussi Adler-Olsen, Jean-Luc Bannalec, Tess Gerritsen, Stieg Larsson und Elizabeth George bin ich längst überdrüssig (shame on me!).
        Dies alles sehr subjektiv, wollte eigentlich gar nicht so viele aufzählen…

  2. Jan Weilers Krimis stehen dank Dir schon länger auf meiner Leseliste und Qui Xiaolong und Elif Shafakfinde ich auch spannend.
    Zu Englands Extrentikern – kennst Du Edith Sitwell? Ich meine Dame Edith Sitwell, sie hat da so ein Standardwerk verfasst ;-).

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