Lesefutter # 16

Rezensionen

Rachael English: Das geheime Band (The paper Bracelet)

Wieder einmal bin ich der Empfehlung meines reader gefolgt und wurde mit einem äußerst fesselnden Buch belohnt.

Wir befinden uns in Irland- abwechselnd in dem späten 60er/ frühen 70er-Jahren und der Zeit um 2010.

Irland, katholisch, mit äußerst rigiden Moralvorstellungen, verbannt Frauen die unverheiratet schwanger werden in gefängnisartige Institutionen wo sie unter falschem Namen Schwangerschaft, Geburt, und die Zeit danach verbringen müssen. Sie tragen Anstaltskleidung, werden zu schwerer körperlicher Arbeit gezwungen, ihre Kinder werden ohne Einverständis an Adoptiveltern vermittelt und die Frauen müssen nach der Geburt und dem Verlust ihres Kindes noch solange weiterarbeiten bis „die Kosten ihres Aufenthalts getilgt sind“.

Die fast 70 jährige Katie war in jungen Jahren in einer solchen Institution als Krankenschwester beschäftigt, sie hat verbotenerweise die Bändchen („Paper Bracelets“) der neugeborenen Kinder aufbewahrt und – ebenso verbotenerweise- in einem Notizbuch Aufzeichnungen gemacht über Geburtsdaten und Namen der Kinder und Mütter. Nach dem Tod ihres Mannes beschließt die nun fast 70jährige den damaligen Kindern irgendwie zu helfen, ihre leiblichen Mütter zu finden, Unterstützung findet sie durch ihre Nichte Beth. Die beiden rufen ein internet-Forum in’s Leben, und tatsächlich melden sich ganz unterschiedliche Menschen- ein Rockstar, ein Zimmermädchen, ein Mann der nach USA weg-adoptiert wurde.

Auch die Mütter kommen zu Wort, Chrissie, die als 13jährige von einem Nachbarn vergewaltigt wurde, andere, die auf Versprechungen verheirateter Männer hereinfielen,- wie sich trotz der üblen Umstände (u.A. Sprechverbot während der Arbeit und der Mahlzeiten) immer wieder Freundschaften entwickelten- allerdings nie von Bestand, denn nach ihrer Entlassung kehrten die wenigsten Frauen zu ihren Familien zurück und es gab keine Möglichkeit den Kontakt aufrecht zu halten. Eine beliebte Strafe war das Kahlscheren des Kopfes…. man mag es sich nicht wirklich vorstellen.

Jedes Kapitel ist aus der Sicht einer anderen Person geschrieben, häufig kommt Katie selbst zu Wort, oder die damaligen Kinder, die Möglichkeit der leiblichen Mutter zu begegnen bringt Unruhe und Unsicherheit in deren eh meist schon eher komplizierten Lebensverhältnisse.

Die Autorin, Journalistin und selbst Irin, schafft es dieses schwierige Thema greifbar zu machen, frei von zu hoher Sentimentalität oder Brutalität, und der Schluß bringt noch eine besondere Überraschung mit sich.

Ich war nach der Lektüre mal wieder froh um die Zeit und Gegend in die ich hineingeboren wurde und spreche eine absolute Lese-Empfehlung aus.

Louise Penny: Das Dorf in den roten Wäldern (Still Life)

In einer Buchhandlung fiel mir diese Autorin auf, eine große Regalfläche war sehr prominent mit den Büchern über Inspector Gamache bestückt, der Klappentext las sich interessant und so habe ich mir die englische Version des ersten Bandes geholt.

Die Szenerie- ein kleines Dorf in den kanadischen Wäldern nahe Quebec- spielt eine große Rolle und wer die Gegend mag und kennt wird sich sicher wohlfühen in dem Buch. Mir war es allerdings etwas überfrachtet, vor Allem mit handelnden Personen, immer wieder mußte ich überlegen von wem jetzt die Rede ist und wie sich dieser Mensch in den Zusammenhang einfügt.

Eine ältere Frau, ehemalige Dorfschullehrerin, wird eines sonntagsmorgens von einem Pfeil getötet aufgefunden. Da dies eindeutig keine natürliche Todesursache darstellt, wird die Kriminalpolizei in Gestalt von Armand Gamache und drei weiteren Polizisten hinzugezogen. Viele Verwicklungen, schräge Charaktere- das Dorf scheint voller Menschen mit künstlerischen oder schrifstellerischen Ambitionen zu sein; die Verdachtsmomente fallen mal auf diese, mal auf jede Person bis zum etwas dramatischen Ende.

Für mich das Interessanteste waren die Einsichten in die Jagd- und Schießgewohnheiten mit Pfeil und Bogen, was es da für Feinheiten und Unterschiede gibt und was für eine Kraft so ein Pfeil entwickelt, phänomenal. Mit den Bildern aus Western, wo die Pfeilschafte aus den getroffenen Körpern herausragen, hat das nicht viel gemein. Ein richtiger Jagdpfeil mit der messerscharfen Spitze ist imstande einen Körper zu durchschlagen, da hab ich doch gestaunt.

Insgesamt also ein gemischtes Urteil- eine durchaus spannende Handlung in dieser besonderen Gegend der Welt, aber mir zu unruhig. Die Autorin hätte sich für meinen Geschmack mehr Zeit mit der Entwicklung ihrer Figuren lassen können- wobei ich natürlich nicht weiß wie viele neue Charaktere in den Folge-Bänden auftauchen.

Anthony Horowitz: Die Morde von Pye Hall (Magpie Murders)

Manchmal lohnt es sich, zunächst ein wenig über den Autor eines Buches herauszufinden bevor frau sich in selbiges hineinstürzt- so erging es mir bei diesem höchst vergnüglichen und spannenden Buch.

Anthony Horowitz sagt von sich selbst, er beziehe alle Inspiration für seine Krimis aus seiner Internatszeit, die eine Schreckenszeit war in einem Internat das eher mittelalterliche Vorstellungen von Erziehung lebte. Zudem liebt es es, literarische und andere Vorbilder zu zitieren, diverse Kinder-Krimis tragen Titel wie: „The Falcon’s Maltese“ oder „French Confection“.

Mit den Magpie Murders (Magpie ist übrigens eine Elster) haben wir einen Krimi im Krimi vor uns, was bei mir anfangs für etwas Verwirrung gesorgt hat. Susan Ryeland ist Lektorin, der letzte Krimi den sie in Händen hält sollte ihr Leben verändern- das erzählt sie uns vorneweg. Dann lesen wir mit ihr das letzte Abenteuer von Atticus Pünd, einem Detektiv der in bester Hercule-Poirot-Manier seinen Fall lösen wird. Nur- das letzte Kapitel und somit die Lösung fehlt, dafür stirbt der Autor. Auf den ersten Blick sieht es nach Selbstmord aus, Susan hat allerdings Zweifel und macht sich auf die Suche nach dem letzten Kapitel des Romans, sie ist überzeugt dass dieser des Rätsels Lösung sowohl für den Krimi als auch für den Tod des Autors enthält. Als sie tatsächlich fündig wird, bewahrheitet sich beides- und ihr Leben gerät in große Gefahr.

Eine Lektüre die zumindest allen Agatha-Christie-Fans Spaß machen wird, als Extra-Bonus habe ich die eingestreuten „Referenzen“ genossen. Eine Nebenfigur im Krimi hört auf den Namen „James Fraser“ , eigentlich „James Taylor“ – sofort hat frau den schottischen Outlander vor Augen und Musik im Ohr. Die Bibliothek des verstorbenen Autors ist bestückt mit einer vollständigen Agatha-Christie- Ausgabe, die er offensichtlich als Inspirationsquelle genutzt hat- eigentlich wollte er ernsthafte Bücher verfassen für die sich allerdings kein Verlag interessiert hat. Und der aufmerksame Leser findet sicher noch mehr derartiges.

4 Gedanken zu „Lesefutter # 16

  1. Ich freue mich immer, wenn du neues Lesefutter veröffentlichst. Gerade jetzt habe ich begonnen, den vorerst letzten Band des von dir empfohlenen Xavier Kieffer-Krimis begonnen und es wird Zeit für neues Lesefutter.
    Liebe Tessiner Grüsse von Sabine

  2. Ich habe mich gerade durch den bislang letzten Louise Penny Band gequält. Die Krimis, die in Three Pines spielen, sind die besten

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